Augen zu und durch

Weihnachten. Kuschelzeit. Mit einem neuen Buch auf dem Sofa sitzen, die Hände an einer schönen Tasse Schmusetee wärmen, eine flauschige Decke um die Beine und den Hundekopf auf dem Schoß. Ein Traum.

Da hinzukommen war harte Arbeit. Weihnachtsmarkt in der Schule überstanden, der Baum steht. Auch die Magen-Darm-Grippen fast sämtlicher Familienmitglieder sind durch – gut getaktet natürlich, also im Abstand von etwa vier Tagen, damit es noch länger dauert. Im Job muss auch immer alles „noch vor Weihnachten fertig“ sein (warum eigentlich?). Nachdem man sich dazu durchgerungen hatte, doch so ein scheußliches Hatchimal zu bestellen („Lieferung garantiert vor Weihnachten!“), musste man am Heiligen Abend feststellen, dass es immer noch unterwegs ist. Also hektisch sonstige Wünsche der Kinder ausdenken und erfüllen (Anmerkung: eigentlich brauchen sie NICHTS – die Zimmer sind sowieso überfüllt und sie wissen gar nicht mehr, was sie auf den Wunschzettel schreiben sollen, außer: „einen neuen Computer“). Und natürlich alle „wir schenken uns nichts“-Geschenke besorgen. Das Schönste aber: den Versand organisieren. An dieser Stelle lieber keine Details (nur so viel: 9:30h ist die offizielle Öffnungszeit unserer Postfiliale in der Vorweihnachtszeit).

Wie krass parallel zu diesem ganz normalen Wahnsinn die diesjährigen Vorweihnachtszeits-Nachrichten. Vergewaltigung in Freiburg – Täter ein Flüchtling. Der brutale U-Bahn-Treter in Berlin. Und jetzt der islamistische Anschlag am Breitscheidplatz. Mittenrein in die Christkindlzeit. Ein Schock nach dem anderen. Und doch geht alles so weiter wie immer. Die Weihnachtsmärkte wieder geöffnet, die U-Bahn fährt, die Geschäfte sind voll. Gut so, einerseits.

Andererseits hat sich wieder etwas verändert. Die Sprüche von AfD und co. werden lauter. Merkels Tote und so. „Einfach mal auf einen Flüchtling zugehen“ hat sie gesagt. Haha. Jetzt sieht man ja, wohin das führt. Und irgendwie ertappt man sich selbst auf einmal dabei, wie man den Araber an der Tramhaltestelle abcheckt. Was ist das für ein Mensch? Kann ich dem vertrauen? Wen haben wir da ins Land gelassen? Haben wir das hier noch im Griff?

Immer öfter muss man sich dafür verteidigen, dass man so naiv ist, weiter an die Werte zu glauben, die man seit seiner Kindheit verinnerlicht hat. Freie Gesellschaft, Toleranz, die Idee von Integration und Multikulti. Alles vorbei? Gescheitert? Auch an Weihnachten in der Familie nimmt man deshalb das Wort „Flüchtling“ jetzt am besten gar nicht erst in den Mund, oder? Die gute Stimmung bloss nicht kaputt machen, irgendwie die Tage überstehen.

Augen zu und durch. So wie jede Weihnachten – so, wie man es mit den anderen Konflikten in anderen Beziehungen leider oft genug auch macht. Wenn Weihnachten heute noch irgendeinen Sinn haben soll, dann könnte es doch gerade der sein: Mutig und freundlich Augen und Mund aufzumachen, einfach mal richtig reden. Wenn das gerade jetzt in jeder Familie in Deutschland passieren würde… ein bisschen naiv, ich weiß. Aber was für eine schöne Vorstellung.

Frohe Weihnachten!

 

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