Die Macht der Frauen und der Hashtag

Letzte Woche war ich auf einem meet-up für Frauen unter dem Hashtag #Frauenmacht. Erst war ich davon abgeschreckt. Wollen wir jetzt etwa die Männermacht durch Frauenmacht ersetzen?! Das ist nicht mein Verständnis von Gleichberechtigung. Aber Linda, der Gründerin von #Frauenmacht, geht es um etwas anderes. Sie sagt zu Recht: Frauen haben immer noch Scheu, einzufordern, was ihnen zusteht. Sie warten ab und hoffen eine Wertschöpfung ihrer Leistungen. So sind in Deutschland nur 13,9% der Gründer Frauen. Und daher ruft sie uns zu: Frauen können alles. Frauen dürfen alles. Frauen, macht!

Unter dem Schlagwort Women Empowerment ist im Jahr 2017 eine weltweite Frauenbewegung groß geworden. Am anderen Ende von #aufschrei, #metoo und #womensmarch steht der sanftere, aber vielleicht sogar wirkungsvollere Feminismus von Frauen, die einfach machen. Sie gründen, netzwerken, schreiben, reden über sich und ihre Sache. Über Plattformen wie Edition F, #Frauenmacht und unzählige Initiativen, Netzwerke und Veranstaltungen gewinnen sie immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Trotzdem findet #metoo immer noch den größten Nachhall in den Medien. Dieser Hashtag hat der Wut und Ungeduld der Frauen Kraft zum Ausbruch gegeben, die sexuellen Missbrauch und Sexismus erlebt haben. Viele haben erst durch diesen schlichten, aber wirkungsvollen Aufruf den Mut gefasst, ihre Stimme gegen Unrecht zu erheben. Damit haben sie ein Tabu gebrochen. Unsere ach so perfekte, gleichberechtigte Welt hat einen Sprung bekommen. Kann man das alles glauben? Ja, kann man. Denn es sind einfach zu viele Frauen, die sich dem Aufruf angeschlossen haben, als dass diese Frauen alle lügen könnten. 

Die Gegenwehr à la Deneuve und der verunsicherten Männer, die auf das nie in Frage gestellte Recht pochen, auch weiterhin Komplimente machen und flirten zu dürfen, wirft aber auch die Frage auf, ob sexueller Missbrauch und der „normale“ Sexismus rein taktisch gesehen besser nicht in einem Topf gelandet wären. Diese Gegenwehr folgt letztlich dem alten, eigentlich längst abtrainierten Reflex, dass Emanzen (also Frauen, die den Mund aufmachen) unberührbare, verklemmte Männerhasserinnen sind. Frauen werden also in zwei Kategorien geteilt: die „vernünftigen“ und die, die es ja wohl ganz schön übertreiben. Gleichzeitig fühlten sich die „guten“ Männer in einem Topf mit den Weinsteins. Das Neue an #metoo, #aufschrei und #womensmarch ist aber: Diese Stereotypen funktionieren nicht mehr. Denn auch Schauspielerinnen wie Natalie Portman, die bisher nicht unbedingt als Feministinnen aufgefallen sind, erzählen ihre Geschichte und bestätigen diesen ganzen, real existierenden Alptraum. Und nehmen in gewisser Hinsicht den Wind aus den Segeln der Verharmloser. Sie haben jede Unterstützung verdient.

So wie #Frauenmacht keine Machtergreifung und Entthronung der Männer will, steht #metoo eben nicht für Männerhass und Prüderie. Es geht um Gleichberechtigung und Miteinander. Um sexuelle Selbstbestimmung, Respekt und liebevolle Wertschätzung für alle und ein Ende von Gewalt, Machtmissbrauch und Unterdrückung. Ziele, die wohl fast alle Männer ohne weiteres unterschreiben würden. Was durch #metoo auch dem letzten Macho klar werden musste, ist, dass Frauen sich nicht nur gegen Missbrauch wehren müssen und dürfen, sondern auch gegen Alltagssexismus. Denn schon der dumme Spruch des Kollegen in der Kantine oder ein „Kompliment“ am falschen Platz kann eine subtile Form von Unterdrückung sein.

Gegen den Vorwurf sexuellen Missbrauchs und sexistischer Herabwürdigung klingt der Wunsch nach Women Empowerment im Sinne von beruflicher Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung vergleichsweise harmlos und so selbstverständlich, dass ihn zumindest in Deutschland keiner wirklich in Frage stellt. Aber auch bei uns bleiben noch viele Fragen offen: Wie genau ist das alles denn nun zu regeln und zu leben? Was bleibt berechtigt, wenn alle gleich sind? Welche typisch männlichen und weiblichen Verhaltensmuster und Lebensbedingungen sind „natürlich“ oder „okay“? Mit den Worten von Simone de Beauvoir kann man darauf nur antworten: Der Mensch ist kein gegebenes Wesen, sondern eines, das sich zu dem macht, was es ist.

Women Empowerment ist keine Wunderwaffe, sondern schafft einfach nur ein neues Bewusstsein dafür, dass Frauen mehr Macht haben, als sie denken. Denn wenn Frauen sich verändern, verändert sich die Welt. Zwar sind noch viel zu wenige Frauen in Führungspositionen und an politischen Schaltstellen. Aber wirkliche Veränderungen beginnen in kleinen Dingen, im täglichen Leben. Es geht ja nicht nur um unsere Arbeitswelt, sondern auch um die Art, wie wir Beziehungen und Familie leben. Die neuen Frauen – ob alt oder jung – haben so viel zu geben und so viel Kraft und Kreativität. Sie sind einfach selbstbestimmt und haben keine Lust, nur die langweiligen Dinge zu tun, die weder finanzielle noch gesellschaftliche Anerkennung bringen. Sie verdienen ihr eigenes Geld und sind nicht mehr auf den Mann als Ernährer angewiesen. Die „Ehe für alle“ kam zu einem Zeitpunkt, in dem die Ehe wie wir sie kennen, eigentlich ein Auslaufmodell ist und ganz andere Ziele verfolgt. Wie die Mode-Ikone Li Edelkoort im Berliner Tagesspiegel zitiert wird: „Es gibt zwar noch Anziehung, aber nicht mehr die Notwendigkeit von beiden Seiten, zusammen zu sein“. Liebe und Sex ja, Abhängigkeit nein!

Logisch, dass es gegen diesen tiefgreifenden Wandel Widerstände gibt – die stärksten kommen oft sogar von den Frauen selbst. Die Transparente, die auf dem Women’s March am Sonntag vor dem Brandenburger Tor geschwenkt wurden, haben mutige Frauen und Männer auch für die Frauen hochgehalten, die immer noch zu freundlich sind. Bremsende, typisch weibliche Muster wirken sich zu oft in Unterlegenheit aus – körperlich, politisch, rhetorisch, biografisch und vor allem finanziell. In Deutschland sind Frauen zwar schon weitgehend gleichberechtigt, verlassen sich aber trotzdem noch oft genug auf das klassische Rollenmodell, in dem sie früher einmal gut abgesichert waren. Rechte und Möglichkeiten bedeuten aber auch Pflichten und mehr Eigenverantwortung. Auch daher ist die neue Frauenbewegung nicht nur ein Befreiungsschlag und eine Welle positiver Energie, sondern bitter nötig. Linda hat so recht: Frauen, macht!

Mehr Infos zu der Initiative von Linda: https://www.frauenmacht.com

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.