Eine tolle Frau

Ich weiß viel zu wenig über sie. Aber das sind die Worte, die ich sofort im Kopf habe, wenn ich nun über sie lese. Leidenschaftliche Kämpferin für „gute Sachen“, für ihre Überzeugungen, vor allem auch für Frauenrechte, yeah. Keine verbissene Emanze, sondern sympathisch, attraktiv, außerdem auch noch Mutter! Mutig und freundlich, hab ich mir gedacht. Wer, wenn nicht sie. Und nun ist sie tot. Jo Cox, ziemlich cooler Name übrigens, und ein Name, der jetzt wahrscheinlich hängen bleiben wird im Gedächtnis der Briten – und der Europäer.

Trotzdem mag ich es nicht, wenn man „eine tolle Frau“ (oder „ein toller Mann“) sagt. Was heißt das schon? Sie wird auch ihre Fehler gehabt haben. Und Idealisierung ist Gift. Sie bremst andere aus, die sich dann vor Ehrfurcht nicht mehr rühren können, vor diesem unerreichbaren Vorbild. Und sie bremst manchmal auch die idealisierte Person aus, weil sie fürchtet, diese Idealvorstellungen zu enttäuschen.

Sehen wir es doch mal so: Jo Cox hat in ihrem Leben wahrscheinlich meistens das gemacht, wovon sie überzeugt war. Und hey, das ist schon einmal eine ganze Menge! Dass sie mit dem Tod dafür bezahlen musste, das ist das, was nun sprachlos und wütend macht. Was ist nur los mit unserer Welt? Überall bilden sich Lager, und die werden zunehmend aggressiv. Gutmensch oder Nazi. Europäer oder Europa-Gegner. Hetero oder Queer. Religiöser Fanatiker oder Atheist. Russlandversteher oder Russlandkritiker… äh.. Stop! Zwei Weltkriege haben wir erlebt, Kalten Krieg, 11. September, diverse Kriege und Völkermorde von Irak bis zu Syrien, aber auch Mauerfall und Europäische Einigung – und nun gibt es wieder oder immer noch für so viele Menschen nur schwarz und weiß? Wo sind die Grautöne? Die Farben? Der Regenbogen? Wo sind unsere Werte, das was wir aus der so genannten Geschichte gelernt haben? Steht doch alles im Internet, lernt man doch in der Schule. Reicht scheinbar nicht. Wie gut, dass Menschen wie Jo Cox bereit sind, für diese Werte einzustehen, sie anderen nahezubringen und in vollem Bekenntnis zum demokratischen System Lösungen zu finden, zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, den Mund aufzumachen, dafür zu streiten. Irgendwie doch eine tolle Frau.

Die Brexit-Debatte wurde in Großbritannien scharf geführt und hat das Land entzweit. Sicherlich nicht schlecht, dass nun etwas mehr Besonnenheit in die Diskussion kommt und der eine oder andere seine Entscheidung etwas weniger emotional fällen wird. Hoffentlich wird es auch ein Nachdenken darüber geben, wie man miteinander umgeht und dass die Zwischentöne wieder gehört werden. Dass überhaupt zugehört wird. Frau Merkel hat die „Überhöhung“ und „Radikalisierung“ der Sprache in der Auseinandersetzung über den Brexit kritisiert. Heißt das weniger Leidenschaft? Nein, aber weniger Populismus und emotionales Aufheizen zur Mobilisierung von Massen, mehr bunt und weniger schwarz-weiß. Denn was sie meint, ist Grenzen ziehen und Andersdenkenden mit Respekt gegenübertreten. „Auch anders Glaubenden, anders Lebenden, anders Liebenden“. Und da schließt sich der Kreis. Auch zu Orlando.

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