Große Erwartungen

Heute Abend ist es soweit. Der Weltmeister tritt an. Ganz Fußballdeutschland fiebert dem ersten Spiel „unserer Jungs“ erwartungsvoll entgegen. OMG! Ich wollte nicht in der Haut von Jogi Löw stecken …

Andererseits – Fußballdeutschland ist ja eine Menge gewöhnt. Die Deutschen spielen gut, aber so oft haben sie eben auch schon enttäuscht. Es ist ein bisschen wie bei Boris Becker damals – man leidet in der Niederlage genauso mit ihnen, wie man sich im Triumph mit ihnen freut. Mir geht es jedenfalls so – obwohl ich überhaupt kein Fußballfan bin. Das ist ja das Schöne an internationalen Meisterschaften, das Kribbeln und der offene Ausgang, das grenzüberschreitende Kräftemessen. Sind „wir“ gut genug, besser als die anderen? Haben „wir“ genug getan, stimmt die Aufstellung, sind „wir“ fit? Und kommt am Ende das nötige Quäntchen Glück noch mit dazu? Hach, es ist Drama-Zeit. Sommertraum-Zeit. Ich liebe es.

Andere Länder sehen die Deutschen ja oft als Streber an, was wohl einer der Gründe ist, warum wir beim ESC seit Jahren keinen Blumentopf mehr gewinnen. Es könnte Michael Jackson in blond für Deutschland wiederauferstehen – „wir“ hätten keine Chance. Das Gute daran: es rechnet eh schon keiner mehr damit. Obwohl – letzter Platz ist schon ein bisschen übel …

Erwartungen sind eine zweischneidige Sache. Die eigenen, aber auch die der anderen. Man träumt, also erwartet man. Würde man nicht träumen, würde man vieles nicht wagen, vieles von vorne herein sein lassen. Aber was, wenn die Realität dann hinter dem Traum zurückbleibt? Oder – was eine Chance, aber auch fast noch schlimmer sein kann – wenn schon keiner mehr etwas von einem erwartet?

Am Schlimmsten aber sind Erwartungshaltungen. Vor allem die, die man an sich selbst stellt. Immer nur Einsen, und dann schreibt mein Kind plötzlich eine Fünf in Mathe – ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich als Mutter versage, oder? Als Tochter bin ich natürlich auch nicht besser – meine Mutter ist traurig, weil ich es diese Woche wieder nicht geschafft habe, sie anzurufen. Überhaupt – was habe ich in meinem Leben schon erreicht?! Ich schaffe es ja noch nicht einmal, „drei Kilo in drei Wochen“ abzunehmen, meine Steuererklärung pünktlich abzugeben oder den Cardiotrainer endlich bei EBay einzustellen.

Ist das nicht lächerlich, sich selbst so fertig zu machen? Ja! Unbedingt. Aber solche Denkmuster sind gemein und zäh, bremsen aus. Bekanntlich kommen sie aus dem tiefsten Unterbewusstsein, kindlichen Erlebnissen, Bestätigungen und Enttäuschungen, die man erlebt hat – und dann wieder unbewusst seinen eigenen Kindern weitergibt. Natürlich sind auch die Medien schuld und dem so genannten Zeitgeist entgeht sowieso keiner. Es fällt manchmal unfassbar schwer, diese dämlichen Vorstellungswelten zu durchbrechen. Aber dann fängt der Spaß an.

Wie wäre ein bisschen mehr Gelassenheit? Ich meine nicht diese viel zu einfache Anweisung, es solle einem egal sein, was andere denken. Die eigentliche Frage ist doch: warum kommt man überhaupt auf die Idee, dass dieses oder jenes erwartet wird? Oft ist das nämlich gar nicht so oder hat Gründe, die nicht relevant sind. Wie wäre es, etwas vermeintlich Erwartetes nicht zu tun? Oder mutig ein Risiko einzugehen, das allen erwarteten Erwartungen widerspricht? Wie wäre es, freundlicherweise auch von anderen nicht irgend etwas zu erwarten, das sie nicht erfüllen können oder wollen?

Jogi Löw hat in letzter Zeit vielleicht nicht so gut geschlafen. Er muss den Titel wollen, alles andere wäre nicht professionell, da sind wir uns einig. Ich bin da bescheidener. Damit ich nicht zu enttäuscht bin, falls es doch nichts wird. Und damit ich mich umso mehr freuen kann, wenn „wir“ weiterkommen. Oder ins Halbfinale. Oder …. Ach ich wage kaum, davon zu träumen. Alles eine Frage der Erwartung.

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