Überlebenskunst eines Vaters

„Kurz vor der Geburt meiner Tochter hat mich ihre Mutter verlassen und den Kontakt zu mir eingestellt. Ich begann, mich selbst in dieser Geschichte mit der Kamera zu begleiten und die Geschehnisse über drei Jahre zu beobachten.”

Der Film „Vaterlandschaften“ zeigt die ohnmächtige Situation eines Vaters, der ausgeklammert wird: Um sich um seine Tochter kümmern zu können, zieht er von Berlin nach Bayern in die Nähe des Kindes. Fast machtlos ist er dort den Entscheidungen der Mutter ausgesetzt: das Warten auf die Geburt des eigenen Kindes, nichts erfahren zu können, selbst über die Geburt nicht informiert zu werden, dann, das Kind nicht sehen dürfen, von der Mutter wegen angeblichen Stalkings angezeigt zu werden, den Kampf um Umgang mit dem eigenen Kind, der schließlich vor Gericht landet und zu Fremdbestimmung durch Jugendamt, Umgangspfleger, Verfahrensbeistand und Gericht führt…

Ein Vater, der gern Vater wäre: In dieser Langzeitdokumentation erzählt ein Vater über drei Jahre seine eigene Geschichte vom Ausgegrenztsein und vom Kampf ums eigene Kind und hat dabei Regie, Kamera und Ton, sowie den Schnitt selbst übernommen.

Trailer Vaterlandschaften

Ein Film gegen die Ohnmacht

Der Dokumentarfilm „Vaterlandschaften“ zeigt einen Mann Mitte vierzig in einem Siebzigerjahre-Einfamilienhaus in Oberbayern. Blick über weite Felder, hinten die Berge. Eine kleine Hütte auf dem Grundstück. „Ich glaub Kindern würd`s hier schon ganz gut gefallen!“, sagt der Mann und grinst. Er geht einkaufen, heimwerkert vor sich hin, duscht, schläft, zeichnet, hört Musik, tanzt, packt aus. Eine gedämpfte, aber freudige Erwartung liegt in der Luft. Ein Nest wird gebaut. Nur eben ganz alleine.

Der Künstler Peter Kees filmt sich selbst, wie er da in Oberbayern ankommt. Wie er Berlin aufgibt, um in der Nähe seines Kindes zu sein, das bald auf die Welt kommt. Auch nachdem die Beziehung zu der Mutter scheitert, in die er einmal sehr verliebt war, wartet er weiter auf den Geburtstermin des gemeinsamen Wunschkindes, der ohne Nachricht verstreicht. Es wird klar: Das ersehnte Familienglück wird nicht kommen, auch nicht ein bisschen. Auch nicht als buntes Patchwork. Denn die Mutter, die offenbar einfach nur ein Kind wollte, entscheidet sich, die Tochter der beiden alleine groß zu ziehen.

„Zur Zeit sieht es so aus, dass sie die Macht hat. Solange sie nicht will, können Sie auch nichts machen“.

Dieser Satz markiert die Wende. Die Idylle Bayerns, die Stille und Ruhe der Bilder füllt sich mit ohnmächtiger Hilflosigkeit, Enttäuschung, Wut, Trauer. Das Leben geht weiter, aber es fühlt sich nicht mehr wirklich gut an. Es beginnt ein ungewollter Kampf, bei dem irgendwie keiner gewinnen kann. Am Ende des Films gibt es zwar Kontakte zwischen Vater und Tochter, aber diese sind aufgrund des andauernden Widerstands der Mutter streng reglementiert, anfangs nur mit Betreuung durch das Jugendamt erlaubt und viel zu kurz und selten. Loyalitätskonflikte kommen auf. Für die Entwicklung einer liebevollen Beziehung fehlt Freiheit, Ungezwungenheit, Alltag. Da hilft auch kein Siebzigerjahre-Einfamilienhaus.

Der Film hatte im März 2016 Premiere. Was ist seitdem passiert? In unserem Gespräch erfahre ich: Peter Kees wohnt immer noch da, aber er hat seine nun vierjährige Tochter seit etwa einem Jahr nicht mehr gesehen. Die Mutter hatte die Veröffentlichung des Films zum Anlass genommen, einen Antrag auf einstweilige Verfügung zu stellen – der Versuch, den Vater von dem bisschen Umgang mit dem Kind, den es zu diesem Zeitpunkt gab, auszuschließen. Den Vergleichsvorschlag der Richterin, bis zur Entscheidung in einer neuen Hauptsache die wöchentlichen Treffen erst einmal fortzusetzen, kam nicht zustande. Hat der Film die Situation also verschärft, gar dem Kind und der Beziehung zum Vater am Ende geschadet?

„Es ist in mir sehr viel passiert“, sagt Peter Kees. „Komischerweise durch diesen Film und auch durch die vielen Gespräche, die es im Anschluss gab.“ Ihm ist klar geworden, dass er keineswegs allein da steht.

„Was kann ich denn tun, damit ich nicht so obsessiv werde, wie all die anderen Väter hier?“

Diese Wortmeldung eines Betroffenen nach der Podiumsdiskussion, die im Anschluss an die Filmpremiere stattfand, hat in Peter Kees etwas ausgelöst. Plötzlich konnte er anfangen, loszulassen. Aus der emotionalen Spirale aussteigen. Wieder zurück in sein Leben kommen. Am Ende des Films sagt er: „In dem Kampf um meine Tochter habe ich gelernt, dass meine persönliche Verfassung wichtig ist. Ein zerrissener Vater, auch wenn er sein Kind nur selten sieht, ist nicht gut. Und offen zu bleiben, trotz aller Konflikte.“

Niemals hätte sich Peter Kees vor der Zeugung und Geburt seiner Tochter vorstellen können, dass das alles so laufen würde. Heute sieht er das selbstkritisch. „Blöd war ich“, sagt er einmal in dem Film, weil er sich in seiner Verliebtheit zu der Zeugung des Kindes überreden liess und nun damit umgehen muss, dass die Mutter seiner Tochter diesen kleinen Menschen für sich beansprucht.

Tatsächlich wollen viele Väter da sein und Verantwortung übernehmen. Wenn Eltern verheiratet sind, haben beide automatisch gemeinsam das Sorgerecht. Nach der Reform 2013 soll die elterliche Sorge auch unverheirateten Eltern zwar grundsätzlich gemeinsam zustehen, aber faktisch haben Mütter eine Art Vetorecht, wenn sie nachweisen können, dass das Kindeswohl dem entgegensteht. Die Eltern unehelicher Kinder reiben sich oft auf in langwierigen Gerichtsverfahren. Anwalts- und Gerichtskosten wachsen manchmal in astronomische Höhen und die Seelen aller Beteiligten – vor allem die der Kinder – leiden unter dem permanenten Gezerre.

Peter Kees entschloss sich, von weiteren gerichtlichen Schritten Abstand zu nehmen und hoffte, dass sich dadurch irgendetwas ändert, Ruhe reinkommt, Besinnung, dass eine neue Sicht auf die Dinge entstehen kann. Nach mehr als sechs Monaten erging dann im Herbst 2016 die Entscheidung in dem bis dahin noch offenen einstweiligen Rechtsschutzverfahren. Ein Paukenschlag – und vielleicht eine Aufforderung an den Vater, nicht klein beizugeben: er wurde verpflichtet, sein Kind monatlich für zwei Stunden in einer betreuten Einrichtung zu treffen. Das Umgangsrecht, so die Begründung der Richterin, ist ein Recht des Kindes und somit könne weder die Mutter den Vater hiervon ausschließen, noch könne sich der Vater einfach so zurückziehen.

Keine schöne Vorstellung, den Kontakt in dieser Form wieder aufnehmen zu müssen. Fremdbestimmt, viel zu selten und zu kurz, unter Aufsicht, in „neutraler“ Umgebung. Peter Kees steht nun wieder vor der Frage, wie er sich verhalten soll. Ob er die Kraft hat und ob es überhaupt Sinn macht, weiter zu kämpfen, weiß er noch nicht. Vor allem weiß er einfach nicht mehr, wie er sich verhalten soll, um wirklich im Sinne seiner Tochter zu handeln.

Der Vater, um den es hier geht, ist ein Vater wie jeder andere. Aber Peter Kees ist eben auch ein künstlerischer Mensch, der mit „Vaterlandschaften“ sich selbst in die Seele geschaut hat. Wissen wollte, was diese existentiell traumatische Situation mit ihm macht. „Gott sei Dank ist da gleichzeitig was Kreatives entstanden!“, so Peter Kees. Denn für ihn ist Leben Kunst und Kunst Leben. In der filmischen Selbstbeobachtung hat er seine Kreativität eingesetzt, um die enorme Belastung, Verletzung und Enttäuschung, die er erfahren musste, zu verarbeiten, um irgendetwas zu machen, um diesem Irrsinn einen Sinn zu geben. Er konnte der Ohnmacht ein Stück weit entfliehen.

„Vaterlandschaften“ läuft am 9. Januar 2017 um 20 Uhr im Moviemento, Kottbusser Damm 22 in 10967 Berlin (Kreuzberg). Am 11. Februar 2017 um 14:30 Uhr ist der Film im Werkstattkino München, Frauenhoferstrasse 9, 80469 München zu sehen. 

Weitere Informationen zu dem Film unter www.vaterlandschaften.de.

Wer Lust hat, mehr von Peter Kees` künstlerischem Schaffen kennenzulernen, dem sei die Ausstellung „Arkadische Landnahmen“ in der galerie weißer elefant, Auguststr. 21, 10117 Berlin empfohlen (7. Januar 2017 bis 4. Februar 2017). 

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