Anna Freud: Von Abwehr und Kinderseelen

Der Urvater der Psychoanalyse ist ohne Zweifel Sigmund Freud. Mein Bild im Kopf: ein graumelierter Therapeut mit dicker Brille, Pullunder und Klemmbrett auf dem Schoss, der stumm nickend einem frei assoziierenden Analysanden auf der Couch zuhört und ab und zu nickt oder eine Frage stellt. Gleich danach kommt mir der Freud`sche Versprecher in den Sinn und Woody Allen`s Großstadtneurotiker. Es geht um die anale Phase, den Ödipus-Komplex, um den Kampf von Über-Ich (Moral!) und Es (die Triebe). Die große Erkenntnis dahinter: Die Macht des Unbewussten und sein Einfluss auf alle unsere Handlungen.

Sigmund kennen alle – aber wer war Anna Freud?

Die Ideen von Sigmund Freud waren bahnbrechend, sind heute aber in ihrer Reinform nicht mehr Stand der Wissenschaft. Berühmt ist sein Disput mit C. G. Jung, der in die Psychoanalyse auch die Idee kulturübergreifender Archetypen (vom Helden bis zum Magiker, von der Königin bis zur Mutter), Mythen und Symbole der Menschheit und in die Traumdeutung einbezog. Eine Reihe bedeutender Psychoanalytiker*innen haben diese Theorien weiterentwickelt – auch Freud`s jüngste Tochter Anna. Sie gilt nicht nur neben Melanie Klein als die Mitbegründerin der Kinderpsychoanalyse, sondern ist auch die Autorin des Standardwerks „Das Ich und die Abwehrmechanismen“.

Ihre Biographie auf Wikipedia liest sich zunächst so, als ob Anna Freud „in die Fußstapfen“ ihres berühmten Vaters getreten ist und lediglich eine (wohlverdiente) Verwalterin des väterlichen Erbes war: „Als treusorgende Tochter war Anna Freud für ihren Vater als Sekretärin und Assistentin tätig, organisierte seine Auftritte, pflegte den Krebskranken und vertrat ihn auf Kongressen.“ Die Volksschullehrerin entwickelte aber immer mehr Interesse an der Psychotherapie, machte eine Lehranalyse bei ihrem Vater und eröffnete ihre eigene Praxis. Dann emigrierte die Familie 1938 nach England und spätestens dort konnte sie sich zunehmend in der Psychoanalyse von kriegstraumatisierten Kindern profilieren. Sie leitete das von ihr gegründete Residential War Nursery for Homeless Children und baute – gemeinsam mit ihrer Partnerin Dorothy Tiffany Burlingham – ein Ausbildungsinstitut für Kinderpsychotherapeuten sowie eine Kinderklinik auf.

Leistung, Reifung und Selbstkonstruktion des Ich

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit fokussierte sich Anna Freud vor allem auf das Konstrukt der Abwehrmechanismen des Ich. Die kennen wir alle – denn auch „Gesunde“ verdrängen im Alltag, lenken sich ab, lachen über sich selbst. Eine reife Abwehr schützt die Seele und hilft, das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Sigmund Freud erklärte das in etwa so: Das Ich sucht einen Ausweg aus dem ständigen Zwiespalt zwischen den imperativen, moralischen oder kulturell-gesellschaftlichen Forderungen der Instanz des „Über-Ich“ und den lustvollen Bedürfnissen und Ängsten seines triebgesteuerten „Es“. Abwehrmechanismen sind also Strategien, um im Leben klarzukommen – auch „coping“ genannt. Ein Zuviel davon macht aber „krank“.

Anna Freud hat versucht, klassische Muster der Abwehr grundlegend zu identifizieren und zu strukturieren – wohlwissend, dass die Realität bunter ist und sich oft ein ganzer Strauß solcher „Lösungsversuche“ in Psychosen, Neurosen oder Persönlichkeitsstörungen manifestiert, um Druck aus dem brodelnden Kessel der belasteten Seele zu lassen. Dabei hat sie nicht nur die innere Triebabwehr, sondern auch die Abwehr äußerer Reize in den Blick genommen. So wird auch die Auseinandersetzung des Selbst in der Beziehung zu anderen Menschen Teil der Ichkonstruktion.

Role Model Anna Freud

Natürlich hat sich die Welt und auch das Konzept der Abwehrmechanismen weiterentwickelt und in Psychotherapie und Traumatherapie sind neue Ansätze entstanden. So zielen positive Psychologie und ressourcenorientierte Psychotherapieformen darauf ab, die Stärken und Kraftquellen der Psyche zu aktivieren. Das Lebenswerk von Anna Freud erscheint mir dennoch angesichts von tausenden Kindern, die vor Krieg fliehen, und Menschen, die aus einer irrationalen Angst vor dem Coronavirus hamstern und Schutzmasken stehlen, hochaktuell: Die Folgen von (vererbten oder aktuellen) Traumata und hilflose Abwehrversuche des Selbst, aber auch des Kollektivs und der Institutionen sind täglich zu beobachten. Anna Freud hat genau hingesehen, nachgedacht, analysiert, Neues kreiert und ihr Leben den Kleinsten und Hilflosesten unserer Gesellschaft gewidmet. Ich stelle mir vor, wie diese mutige Frau als Netzwerkerin und Expertin sich heute einbringen und die Podien der Konferenzen bereichern würde. Für mich definitiv ein Role Model.

Hier eine Zusammenstellung von Abwehrmechanismen – auch zur Selbstreflexion sehr gut geeignet:

Abwehrmechanismen des Ich

Verdrängung: Die Beschäftigung mit unlustvollen Trieben und Gefühlen findet einfach nicht statt, sie werden aus dem Bewusstsein gedrängt und unterdrückt. Letztlich beruhen alle Abwehrmechanismen mehr oder weniger auf dem Prinzip Verdrängung.

Regression: Den Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe kennen zum Beispiel Eltern von Kleinkindern, die bei der Geburt eines Geschwisterchens aus Eifersucht wieder einnässen oder Daumen lutschen.

Reaktionsbildung: Gefühle und Handlungen, die die eigenen Wertvorstellungen nicht erlauben, werden in ihr Gegenteil verkehrt. So kann Ungeduld und Wut in übermäßige Fürsorge münden – zum Beispiel bei der Pflege von dementen Angehörigen.

Spaltung: Eine Spaltung entsteht, wenn das Ich nicht in der Lage ist, die Ambivalenz eigener Anteile oder anderer Personen zu ertragen. Die Folge ist eine Aufteilung in „Gut“ und „Böse“. Die „guten“ Anteile werden idealisiert, die „schlechten“ entwertet (die Frau als Heilige und Hure).

Ungeschehen machen: Hier geht es um den Einsatz faktisch unwirksamer Rituale und Handlungen – das Ich wünscht sich einen Zauber, um sich von den unliebsamen oder schambehafteten Wünschen und Trieben zu befreien, als wären sie nie da gewesen. Schmutzige Gedanken werden „weggeputzt“.

Projektion: Projektion ist nach Sigmund Freud das „Verfolgen eigener Wünsche in anderen“. Affekte und Selbstanteile werden anderen Personen zugeschrieben. Wer also selbst eifersüchtig ist, wirft dies vielleicht seinem Partner vor – und schließt von sich auf andere. Macht man sich so etwas bewusst, kann man also viel über sich selbst erfahren.

Introjektion: Anschauungen oder Verhaltensmuster werden in die eigene Ich-Struktur integriert, um sie nicht mehr als Bedrohung zu erleben. Ein Beispiel: „Mein Vater hat mich als Kind geschlagen, aber das hat mir nicht geschadet.“

Wendung gegen die eigene Person: Aggressionen werden gegen sich selbst gerichtet, bis hin zu selbstverletzendem Verhalten. Dahinter steht möglicherweise die Angst, die Person zu verlieren, auf die man eigentlich sauer ist. 

Sublimierung: Sublimierung bedeutet Veredelung – die „niedrigen Triebe“ werden also nicht unterdrückt, sondern in gesellschaftlich höher bewerteten Ersatzhandlungen ausgelebt: etwa in Kunst, Wissenschaft, Musik oder Sport. Auch der Workaholic kann sich hier vielleicht wiederfinden.

Intellektualisierung:  Es findet eine Trennung der Emotion von der Ratio statt: Durch Abstrahierung werden die Gefühle auf eine Denkebene transferiert. Mit der Generalisierung erreicht das Ich eine Distanzierung von dem konkreten, sinnlich-erfahrbaren, emotionalen Konflikt.

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