Auf der Suche nach dem verlorenen Plan A

Wir müssen gerade täglich für irgendetwas einen Plan B haben und die Dinge anders lösen. Jetzt muss es auch nicht perfekt sein, es muss funktionieren. Wir dürfen improvisieren, was Neues ausprobieren. Vielleicht hätten wir so manchen Plan A auch nie umgesetzt, aber jetzt fangen wir einfach mit Plan B an.

Als ich die Frage nach dem Plan B vor etwa zwei Wochen in der Corona Community gepostet habe, waren wir noch in der kollektiven Schrecksekunde. Um aus der Panik rauszukommen, habe ich meinen Fokus auf das Positive gelenkt, das Gute im Schlechten gesucht. Aus der Krise eine Chance machen, für andere da sein, die Welt verbessern, was tun! Ursprünglich sollte dies daher ein Text über die Magie der Improvisation und die kreative Energie bei der Suche nach einem Plan B werden. 

Plan A: vorübergehend nicht erreichbar

Aber jetzt, wo wir den Status quo akzeptiert haben und uns mit #stayhome für einen unbestimmten Zeitraum einrichten, hat sich vor mir doch noch ein mittelgroßes Loch aufgemacht. Frust, Wut, Traurigkeit kamen hoch. Denn da steht dieses Stoppschild im Weg und hat uns kollektiv auf ein Abstellgleis umgeleitet. Das Leben, das Sie bestellt haben, ist vorübergehend nicht erreichbar – und keiner weiß, für wie lange und zu welchem Preis. Ich hatte ja immer schon den Verdacht, dass man zwei Leben haben kann, aber so hatten wir uns das doch alle nicht vorgestellt. Wir sitzen zu Hause fest, sind eventuell sogar krank, kämpfen auf allen Ebenen gegen das Virus und um unsere wirtschaftliche Existenz, machen uns Sorgen um die Zukunft. Nichts ist mehr wie es war. Dieses ganze Leben, das wir auf dem ursprünglichen Gleis angesteuert hatten: Wo ist das jetzt alles? Ich stelle mir vor, dass es irgendwo eine Parallelwelt gibt, in der all die Pläne A gerade doch noch umgesetzt werden und alles wie geplant läuft. Wie nach der Auflösung von einem Aprilscherz oder in einem Actionfilm, in dem die Heldin aufwacht und alles nur geträumt hat.

Frühlingspläne in der Tonne

Bevor ich wieder an irgendeinen Plan B denke und an die bessere Zukunft, die wir hoffentlich aus all diesem Chaos erschaffen, möchte ich mich noch einmal kurz feierlich und ehrenhaft von all den Plänen A verabschieden, die in diesem Frühling 2020 in die Tonne gekloppt wurden. Von all dem Guten und Verrückten, das entstanden wäre, dem mit Herzblut Geplanten und dem Unvorhersehbaren und Zwischenmenschlichen, das wegen „social distancing“ ausfällt. Ich schenke mir und uns eine stille Gedenk-Leseminute an all die Erlebnisse, Begegnungen und Genüsse, auf die wir uns schon gefreut hatten oder die „normalerweise“ jetzt wahrscheinlich passiert wären:

  • An die Konzerte, Veranstaltungen und Großereignisse, die oft über Monate oder sogar Jahre vorbereitet wurden. Mit großen Visionen, Recherchen, Konzepten und tausenden von Meetings.
  • An die runden Geburtstage, Hochzeiten und Besuche bei den Großeltern, die man ohne mit der Wimper zu zucken jetzt verschiebt oder ausfallen lässt.
  • An die Geburten von Kindern, die derzeit teilweise ohne ihre Väter oder andere Angehörige auf die Welt kommen. Es gibt schon eine Petition gegen das Anwesenheitsverbot.
  • An die frühzeitig abgebrochenen, lange geplanten Auszeiten in Asien, Australien oder sonstwo. Auch wenn das wie so Vieles, das wir jetzt Vermissen, ein absolutes Luxusproblem ist – es ist trotzdem doof.
  • An die Prüfungen, auf die sich viele vorbereitet hatten. Vor allem denke ich dabei an die AbiturientInnen und StudentInnen, die in dieser Unsicherheit gelandet sind und jetzt ewig der „Corona-Jahrgang“ sein werden.
  • An die Ausbildungen, Teamevents und Workshops, die ausfallen oder nachgeholt werden müssen. Digitale Lösungen können das nur zum Teil auffangen.
  • An den stinknormalen Alltag und die Mittagspausen mit KollegInnen, die man jetzt nur im Online-Meeting auf dem Bildschirm sieht. Homeoffice ist eine super Ergänzung. Aber Zusammenarbeit face-to-face ist doch was ganz anderes.
  • An die Pausen im Schulhof, die Klassenfahrten und Abibälle. HomeSchooling katapultiert unsere Schulen in die digitale Welt und es es trainiert das selbständige Arbeiten, aber ich schätze mal, die meisten Kinder und Jugendlichen haben eher wenig Nachholbedarf was die Nutzung von Smartphones und Computern angeht und sitzen jetzt noch mehr allein an Geräten in ihren Zimmern. 
  • An die Kinder auf dem Spielplatz. Alba macht zum Beispiel mit dem Sportprogramm auf youtube einen super Job, aber draußen spielen und klettern und buddeln ist nicht zu ersetzen. Und auch die Eltern werden sich drauf freuen, wenn sie wieder raus können.
  • An die Picknicks am See und das Grillen im Park. Ohne fünf Meter Abstand.
  • An die Fußballspiele im Stadion. Ist jetzt nicht mein Ding. Aber dürften viele vermissen.
  • An die Osterferien. Dass wir weniger fliegen ist toll für die Umwelt. Punkt. Trotzdem haben sich viele auf Reisen, Rauskommen und Erholung gefreut.
  • An den neuen Haarschnitt, die Gesichtsbehandlung und die Massage, die wir uns gerade nicht gönnen können – was vor allem für FriseurInnen, KosmetikerInnen und MasseurInnen ein Desaster ist. Genauso wie an die geschlossenen Sport- und Yogastudios. 
  • An die Nächte beim Tanzen in Clubs mit schwitzenden Menschen, Techno, Tango, Salsa, Rotwein und Flaschenbier. Ich frage mich, wann das wieder möglich sein wird und hoffe auf die baldige Wiederauferstehung der Szene.
  • An die Kunsterlebnisse in Ausstellungen, Museen, Theatern und Kinos – kann man auch virtuell machen, und vielleicht ist das eine neue Option. Aber trotzdem traurig, vor allem für die KünstlerInnen, KuratorInnen und ProduzentInnen. 
  • An die Partys und Events, die Abende bei gutem Essen in Restaurants und Kneipen. Gesellig geht auch über Zoom, ich hab´s getestet. Aber wir wollen uns doch im echten Leben treffen, sehen, hören, zuprosten und dabei in die Augen schauen.
  • An Umarmungen und Frühlingsgefühle, zufällige Berührungen, Blicke und Küsse und an die sexuelle Freiheit, die jetzt allen versagt ist, die Singles sind, polyamor leben oder keine feste Beziehung haben.
  • An alles, was ich jetzt nicht auf dem Schirm hatte, aber irgendein Mensch total vermisst. Denn diese Aufzählung kann nie abschließend sein.

Während ich das nochmal lese, sehe ich einen Post: Ein Paar hat Corona getrotzt und doch geheiratet – das Video mit einem Spalier der Freunde am Straßenrand (in 1,5m Abstand) geht viral. Manchmal funktioniert der Plan A also doch noch, nur anders, aber vielleicht sogar besonderer als gedacht. An alles, was wir jetzt erleben, werden wir uns definitiv auch noch in zwanzig Jahren erinnern. Und wir merken, was für Möglichkeiten und Freiheiten wir vor Corona einfach so hatten. Eine kleine Pause davon ist schon okay, das steigert die Sehnsucht. Wie in einer guten Fernbeziehung. Irgendwann wird unser „ganz normales Leben“ wieder möglich sein. Und wir werden es feiern wie nie.

diary2

Die Corona Community ist eine Facebook-Gruppe, die ich spontan gegründet habe, um einen Raum zu schaffen, in dem wir aus dem Fight-Flight-Freeze-Modus rauskommen, das äußere Chaos verlassen, und in der Gemeinschaft Kraft schöpfen können. In dem wir Informationen besonnen austauschen und uns gegenseitig unterstützen. Mitgefühl, Gemeinschaft und Kreativität entwickeln – und neue Ideen. Sei herzlich willkommen und lade Freunde und Freundinnen ein, die diesen Spirit suchen und brauchen können – spread the word!

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