#coronacommunity, diary 1

Ich werde erst um 7:55h wach, noch 20 Minuten bis zu meiner Instagram Live-Meditation. Die soll mir helfen, Struktur in den Tag zu bringen, innere Ruhe und Fokus. The Lovers heißen mich willkommen zu Kundalini-Yoga, völlig stressfrei auf der heimischen Matte. An meiner Tür hängt ein Schild „Bitte nicht stören!“, es kann losgehen. Nach einem gemeinsamen „OMMMM“ kommen wir zu einer Atemübung und sollen uns mit einem Finger das rechte Nasenloch zuhalten (vorher Hände waschen oder ein Taschentuch benutzen!). In diesem Moment klingelt mein Handy und ich werde aus dem stream gekickt. Aber der Anruf war wichtig: Ich bekomme meinen Nottermin beim Zahnarzt, denn ich hatte mir ausgerechnet jetzt einen Zahn ausgebissen und dann auch noch das Provisorium verschluckt. Also muss ich da leider auch in Corona-Zeiten hin – und ich hoffe, die Zahnärzte dürfen bald auf eine reine Notbereitschaft umstellen. Aus der Yoga-Session bin ich aber endgültig raus.

Neue Tagesroutine: fail. Also weiter zur „Frage des Tages“: 

Egal, inspiriert und wach bin ich jetzt trotzdem und poste meine „Frage des Tages“ in die Corona Community: Stell dir vor, die Pandemie ist überwunden und du hast überlebt. Jetzt wird dein Leben in der Krise verfilmt – wie lautet der Titel? Es geht von „quiet earth“ über „Die Ästhetik des Grauens“ bis zum „Last man standing“. Die spanische Sicht: „Hinterher ist man immer schlauer“ trifft „Eingesperrt und zum Leben erwacht“ oder „Liebe hinter Gittern Teil I – VI“.

Einer der Filmtitel zitiert mit „Des Kaisers neue Kleider“ offenbar den neuen (vielleicht unfreiwilligen) Helden der Corona-Parties, den freundlichen Dr. Wolfgang Wogard. Der als verdienter SPD-Gesundheitspolitiker beschriebene Lungenarzt wirkt in dem vielgeteilten Video wie eine Mischung aus Captain Iglo und Bob Ross. Ganz entspannt erklärt er, dass das alles da draußen im Grunde Panikmache ist. Viele fühlen sich in ihrem Misstrauen gegenüber den massiven staatlichen Eingriffen bestätigt und sind froh, einmal eine andere Sicht der Dinge zu hören – noch dazu eine, die Hoffnung gibt und beruhigt. Es gibt ja einen Haufen ungeklärte Fragen, jede Menge Fake News und Unsicherheiten. Auch Experten revidieren naturgemäß immer wieder ihre Bewertung der „dynamischen Lage“ und das Virus ist eben einfach noch zu unbekannt, um alles darüber zu wissen. Und den Unterschied zwischen den Auswirkungen von Corona und Grippe-Epidemien oder zwischen lokalem Ausbruch und Pandemie muss man als Laie ja erstmal kapieren.

Die Wogen des Wolfgang Wogard 

Die Aussagen von Wogard wurden mittlerweile in diversen Faktenchecks und auch von Christian Drosten in seinem Podcast eingeordnet, aber ich möchte nicht wissen, wieviel das Ganze der Konsequenz des „Social Distancing“ geschadet hat. Die Kommentare auf Social Media zeugen andererseits auch davon, dass wir als Bürger mitreden und uns unsere Freiheit nicht einfach so per Dekret nehmen lassen wollen – sei es nun die Freiheit der Meinung oder die Versammlungsfreiheit oder sämtliche andere Grundrechte, die nun massiv eingeschränkt werden. Vielleicht war es am Ende sogar auch gut, dass es diesen Einspruch gab. Jetzt wächst nach meinem Gefühl zum Glück die Überzeugung, dass auch dann noch Raum für eine Bewertung dieser Krise sein wird, wenn die nun einmal beschlossenen Maßnahmen eine Chance bekommen haben, ihre Wirkung zu entfalten. Vor allem brauchen wir ein paar Wochen Zeit, um die Krankenhäuser auszurüsten. Damit das gelingt, kommt es JETZT auf jeden Einzelnen von uns und jeden einzelnen Tag an.

Frühling im Park: Corona-Parties und Rama-Reklame

Aber es ist Frühling und die Menschen brauchen auch Zeit, um sich umzustellen. Selbst in unserem „Senioren“-Park, in dem ich mit dem Hund spazieren gehe, dröhnt am Nachmittag laute Diskomucke aus dem Ghettoblaster durchs Viertel und in mir steigt Wut auf. Ich beginne innerlich zu kochen und frage mich, ob ich die Zivilcourage aufbringen werde, da einzuschreiten. Aber beim Näherkommen entpuppt sich die Gruppe als überschaubar: Drei Jungs und ein Mädchen spielen Ball und rauchen Shisha. Das dürfte noch im Bereich „Augenmaß“ liegen, von dem die Kanzlerin sprach. Soll ich sie jetzt wirklich ansprechen? Es kommt mir selbst auf einmal übertrieben vor. Wer bin ich, dass ich anderen sagen soll, was sie tun oder lassen sollen? Ich akzeptiere für den Moment einfach mal, dass das alles ein riesengroßer Lernprozess ist.

Der Park malt ein Bild wie aus der Rama-Reklame: Mama-Papa-Kind-Hund-Familien, Jogger und zwei Menschen pro Parkbank-Ecke, die die Sonne genießen. Als ich an zwei jungen Frauen vorbeigehe, höre ich unfreiwillig ihr Gespräch mit: „Das macht so einen Spaß! Wir haben jetzt Microsoft Teams und wir machen einen Quantensprung in die digitale Welt!“. Ich muss so lachen, dass ich mich umdrehe und mitfreue und wir geben uns virtuell ein High Five.

An der nächsten Ecke kommt mir eine Bekannte mit ihrem Kind entgegen und wir verquatschen uns mit 2m Abstand. Am Ende steht der Deal, dass ihre Tochter ab und zu mal unseren Hund ausführen darf, denn sie langweilt sich, seitdem ihr Sportverein dicht ist. Das Mädchen ist im Glück, denn sie wünscht sich schon lange einen Hund. Ich hoffe, die Ausgangssperre wird da keinen Strich durch unsere Rechnung machen.

Generation Corona: Wir haben dieses Jahr leider keinen Sommer für dich.

Zu Hause helfe ich meiner Tochter bei ihren Englisch-Hausaufgaben. Sie soll eine E-Mail an einen fiktiven Freund schreiben und darin von ihrer Klassenfahrt berichten, die zum Glück gerade noch so vor dem „outbreak“ stattfinden konnte. Ihre Augen glänzen bei der Erinnerung daran und mein Herz wird schwer bei dem Gedanken, dass ihr und ihren Freundinnen und Freunden voraussichtlich ein ganzer Teenager-Sommer genommen wird. Meine Wut auf die Menschen im Park wird zum Mitgefühl für diesen Abi-Jahrgang, der gerade gar nicht weiß, wie es weitergeht.

Nach Generation Z kommt also Generation Corona: Wie viele Kinder und Jugendliche werden gerade für ihr Leben geprägt, mit all diesen Ängsten in der Luft und diesem kollektiven Trauma. Insofern stimmt die Kriegspolemik der Politiker: Es ist unvergleichlich, was wir jetzt als Gemeinschaft und jeder Einzelne für sich bewältigen müssen. Die Hoffnung, dass die jungen Menschen dadurch mehr Verantwortung und Verbindlichkeit lernen, ist da, aber wahrscheinlich gerade nicht wirklich das, was sie jetzt hören wollen.

Ich schaffe es dann doch noch am Abend, eine Stunde richtig tief zur Ruhe zu kommen: Beim Sound Bath von Matthias und Jenni wirbeln scharrende Geräusche meine Neurotransmitter von der linken in die rechte Gehirnhälfte und ein glockenhelles „BIM!“ bringt mich wieder in meinen Fokus. Das ist wirklich ein inneres Bad und Wellness für die Seele. Nur ab und zu kurz unterbrochen durch die überlastete W-LAN-Verbindung, von leisen Hustengeräuschen vor meiner Zimmertür und dem immer wieder

jaulenden Martinshorn der Notarztwagen auf der Straße. Der Sound von Corona. Etwa in der Hälfte der Zeit knallt die Tür auf und meine Tochter stürmt rein. Ich hatte das „Bitte nicht stören!“-Schild vergessen. Na ja, wir alle brauchen derzeit eine exponentielle Lernkurve. Das wird schon.

Ich bekomme kein Geld oder sonstige Leistungen von The Lovers oder Matthias und Jenni (Soundbath von Sense Healing und I love Spa) – das ist also keine bezahlte Werbung. Aber ich berichte und teile gerne Angebote von Selbständigen, die gerade versuchen, andere Wege zu finden, um Kunden zu erreichen, damit sie wirtschaftlich überleben, und die gleichzeitig eine Vision haben, wie wir die Welt nach Corona besser machen können. Das ist für mich in der aktuellen Lage ein Akt der Solidarität und Inspiration für neue Perspektiven – ein Anstoß für Transformation.

Die Corona Community ist eine Facebook-Gruppe, die ich spontan gegründet habe, um einen Raum zu schaffen, in dem wir aus dem Fight-Flight-Freeze-Modus rauskommen, das äußere Chaos verlassen, und in der Gemeinschaft Kraft schöpfen können. In dem wir Informationen besonnen austauschen und uns gegenseitig unterstützen. Mitgefühl, Gemeinschaft und Kreativität entwickeln – und neue Ideen. Sei herzlich willkommen und lade Freunde und Freundinnen ein, die diesen Spirit suchen und brauchen können – spread the word!

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