Schule querdenken!

Nein, ich war am Samstag nicht auf der „Querdenker-Demo“. Vor allem, weil ich mich nicht anstecken und das Virus nicht weiterverbreiten will – weder ideologisch, noch viral. Ich weiß, dass Corona keine Erfindung von Bill Gates oder wem auch immer ist. Und bei allen Beteuerungen, dass da auch ganz normale Menschen friedlich ihren Protest gegen Freiheitseinschränkungen äußern – ich werde mich nicht einreihen neben Rechtsextremen und Menschen mit Wahnvorstellungen. Was aber auch nicht stimmt, ist der Umkehrschluss, dass es keinerlei Anlass für eine Demo gäbe und dass alle, die Kritik äußern oder von mir aus auch nur Unbehagen, Spinner sind. Denn was die Folgen von Corona sein werden, können wir alle noch nicht wirklich einschätzen. Aber was wir wissen ist, dass diese Pandemie enorme Auswirkungen auf uns hat und haben wird. Das Monopol aufs Querdenken und Einmischen sollten wir daher nicht den Demokratiefeinden überlassen.

Zurück zum Status Quo Ante Corona kann nicht funktionieren

Als Mutter betrifft mich vor allem das Thema Schule und ich finde, das ist ein gutes Beispiel. Während sich die Unternehmen flexibel auf die Situation einstellen und immer mehr Möglichkeiten für mobiles Arbeiten schaffen, versuchen die öffentlichen Schulen, den Status Quo Ante Corona wieder herzustellen – nur mit mehr oder weniger Masken. Das aber ist jetzt schon nicht mehr möglich, obwohl wir noch keinen zweiten Lockdown haben. Wir laufen sehenden Auges in das nächste Desaster für Lehrer, SchülerInnen, Eltern und deren Arbeitgeber.

Unsere Kinder sind bereits in der zweiten Schulwoche nach den Sommerferien wegen einem undefinierbaren Infekt vorsichtshalber zu Hause und verpassen Unterricht. Die bereitgestellte App für Unterrichtsmaterialien wird aber nicht genutzt, denn einen offiziellen Lockdown haben wir ja noch nicht. Wir hangeln uns also so durch, mit Arbeitsblättern im Briefkasten und der Hoffnung, alle Infos von MitschülerInnen zu bekommen. Halt so wie „früher“.

Wie wäre es mit Homeschooling – next level?

Immerhin: es soll mehr „Kindkranktage“ für Eltern geben. Aber warum können wir nicht auch – präventiv und progressiv – Homeschooling auf das nächste Level heben und es als Teil des Schulbetriebs etablieren? Das wäre doch auch unabhängig von Corona sinnvoll. SchülerInnen höherer Klassen müssten nicht mehr zwingend um acht Uhr in der Schule sitzen und dort den ganzen Tag verbringen. Warum sollten sie sich den Stoff nicht selbst zu Hause erarbeiten dürfen (vielleicht in Teams) und in die Schule dann nur noch für Austausch, zum Fragen stellen und für Prüfungen kommen? Natürlich hat Schule auch die Funktion, dass Kinder betreut sind, wenn ihre Eltern arbeiten müssen. Aber wenn die Großen mehr Freiraum hätten, gäbe es für die Kleinen mehr Kapazitäten.

Was unsere Kinder jetzt und sowieso fürs Leben brauchen, ist die Fähigkeit, sich selbständig Wissen zu erarbeiten, eigene Positionen zu entwickeln, Informationen im Internet auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Sie sollten lernen und erfahren, wie man Neues zusammen gestaltet, wie man kreativ wird, sich selbst und andere besser verstehen lernt, wie man Konflikte löst. Wie man herausfindet, was man im Leben will und sich motivierende Ziele setzt, wie man Blockaden überwindet oder andere dabei unterstützt. Wie man diskutiert und sich eine Meinung bildet – aber auch die des Gegenübers tolerieren oder eben aus guten Gründen ablehnen kann. All das wäre hilfreich in einer Welt, die sich schneller verändert als man „VUKA“ googeln kann. Eine Welt, in der alles global und gleichzeitig lokal ist, in der die Stabilität von Beziehungen und Familienmodellen sich immer mehr auflöst, in der wir schlicht auf uns selbst und unsere innere Stärke angewiesen sind. In der wir maximal individuell und doch gerade deswegen auf der Suche nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit sind. In der alte Rollenbilder keinen falschen Halt mehr geben, wir also neue aus uns selbst heraus entwickeln dürfen.

Es wird nicht mehr reichen, Arbeitsblätter auszuteilen.

Gute Ansätze sind ja bereits da: Etwa die Aufgabe, Plakate zu einem Thema zu gestalten oder Referate vorzubereiten. Und es gab auch ab und zu mal Online-Unterricht, wenn der jeweilige Lehrer dazu bereit und in der Lage war. An technischen Angeboten mangelt es ja nicht und das hat weitgehend funktioniert. Aber zum Beispiel auch die naheliegende Idee, dass Schüler von zu Hause aus zusammenarbeiten, was ja mit modernen Kommunikationsmitteln (Telefon!) kein Problem ist, wurde zumindest in unseren Schulen kaum gefördert. Einmal sollten sich SchülerInnen im Lockdown zu einem Thema gegenseitig interviewen – das war wunderbar. Es gab Kontakt, die Kinder konnten aktiv werden und sich austauschen, fühlten sich weniger allein und verunsichert, hatten Spaß. Leider ist es bei dem einen Mal geblieben.

Vielleicht ist es ein Generationsproblem, aber auch wenn es Lehrer gibt, die die Kinder gerne intensiver oder einfach anders begleiten würden, haben sie diesen Freiraum meistens nicht. Unser Schulsystem ist wie eine Art Krake im Netz, gefangen zwischen unzähligen Entscheidungsebenen, diversen Gremien, Bürokratie und Parteipolitik. Lehrpläne geben den „Stoff“ vor, der durchgezogen werden muss und durch Corona wird die Zeit dafür immer enger. Muss das wirklich so bleiben? Corona hat auch gezeigt, dass Veränderung möglich ist. Wo ist mehr Freiraum und Freude am Lernen möglich? Wo könnte Schule von anderen Modellen wie der Waldorf-Schule oder von freien Trägern lernen? Wie könnte sie näher an die Lebenswirklichkeit der SchülerInnen herankommen? Etwas so Selbstverständliches wie WLAN fehlt an den Schulen, weil die Mittel für die Digitalisierung aus unerfindlichen Gründen „nicht abgerufen“ werden. Stattdessen gebe ich jedes Jahr pro Kind 200 Euro für Schulbücher aus – das ist so „oldschool“! An vielen Stellen könnte Schule einfach auch mal von den SchülerInnen selbst lernen – sie informieren sich doch heute schon selbstverständlich im Netz, bringen sich Sachen, die sie interessieren, per YouTube bei und probieren alles Mögliche einfach aus.

Schule könnte so viel mehr sein, als nur der Weg zum Abschluss.

Was wäre, wenn unsere Kinder gerne zur Schule gehen und dort Neugier lernen würden? Wenn sie ihre Hausaufgaben freiwillig machen würden? Wenn sie mehr Raum für Kritik und Mitdenken hätten und ihre Kompetenzen gefragt wären? Wenn Sie gegenseitig voneinander inspiriert würden, in einer Gemeinschaft? Die Momente, in denen mir meine Kinder von solchen Erlebnissen berichten, sind selten oder haben nichts mit dem Lehrplan zu tun. Schule macht sie nicht neugierig, sondern müde, gestresst oder gelangweilt.

Es ist eine dieser Politiker-Binsenweisheiten, dass Bildung der wichtigste Hebel ist, um eine Gesellschaft aufzubauen und unsere Demokratie zu stärken. Es ist doch jedem klar, dass wir da anfangen müssen. Corona erfordert ungewöhnliche Maßnahmen, aber Corona ist auch eine Chance, die Dinge anders und besser zu machen. Warum also nicht auch das System Schule einfach mal querdenken.