Vergiss den Gender Pay Gap

Der Gender Pay Gap von etwa 21% ist allseits bekannt, hat aber bisher nicht viel mehr als ein Schulterzucken bewirkt. Jetzt hat die Bertelsmann-Stiftung eine neue Gleichung aufgemacht und den Gender Lifetime Earnings Gap in Deutschland ermittelt, der die Erwerbseinkommen über das gesamte Leben vergleicht. Der Befund zeigt das eigentliche Problem: Frauen bezahlen mit einem deutlich niedrigeren Einkommen für die Entscheidung, Kinder zu bekommen.

Das wesentliche Ergebnis der Studie[1]: Frauen in Deutschland bleiben konstant finanziell benachteiligt, wenn sie Kinder bekommen. Nur wenn sie auf Kinder verzichten, gleichen sich ihre Erwerbschancen langsam an, jedenfalls in den jüngeren Generationen. Der Gender Pay Gap bildet das nicht ab, denn als punktuelle Querschnittsanalyse bezieht er nur Frauen und Männer mit ein, die auch tatsächlich ein Erwerbseinkommen erzielen – was Frauen eben sehr oft und immer wieder im Laufe ihres Lebens nicht tun.

Können Frauen sich also Kinder gar nicht leisten?

Nur 40 Prozent des durchschnittlichen Lebenserwerbseinkommens der Männer verdient eine Frau mit mindestens einem Kind in Westdeutschland, in Ostdeutschland sieht es etwas besser aus mit knapp unter 60 Prozent. Diese Lücke entsteht etwa zur Hälfte dadurch, dass Frauen häufiger in Teilzeit und oft über längere Zeiträume gar nicht arbeiten – letzteres in der Regel, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen.

Woher kommen diese relevanten Unterschiede zwischen West und Ost? Frauen bleiben in Westdeutschland im Durchschnitt zwischen acht und neun Jahren auf dem Arbeitsmarkt „inaktiv“, also zu Hause. Diese so genannte „Haushaltsspezialisierung“ (sprich: Alleinverdienermodell) führt offenbar sogar dazu, dass Männer mit Kindern durchschnittlich bis zu 20% mehr verdienen als Männer ohne Kinder – und so wird klar, warum sich so manche Familie dann eben doch Kinder (im Plural) leisten kann. Diese Mütter haben dann natürlich nur einen entsprechend niedrigeren Rentenanspruch. Staat und Gesellschaft darf das nicht egal sein. Ich freue mich daher auf den dritten Teil der Studie, die den Schwerpunkt auf den Sozialstaat im Haushaltskontext legen wird. Es wird dann um Anreize wie das Ehegattensplitting und die Familienkrankenversicherung gehen, vielleicht auch um Elterngeld und andere Ideen. Das wird insbesondere in Bezug auf Alleinerziehende spannend, die ja die Verantwortung komplett tragen, ohne „Mann im Rücken“.

Unabhängig von den Rahmenbedingungen stellt sich aber die Frage, warum wir immer noch so leben wie wir leben – und warum Frauen sich scheinbar gegen ihre eigenen finanziellen Interessen entscheiden.

Sind Frauen selbst schuld und einfach naiv?

Oft kommt ja der Einwand: Die Frauen wollen das ja so. Die wollen doch die Zeit mit ihren Kindern verbringen und so sind doch alle glücklich. Aber können wir wirklich voraussetzen, dass diese Verteilung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit das Resultat einer bewussten Entscheidung ist – oder wie kommt es dazu?  

Um das zu beantworten, brauchen wir mehr als die Bertelsmann-Studie, dazu brauchen wir das „big picture“. Die Studie berücksichtigt ganz bewusst nur den Anteil, der aus eigener Arbeitskraft erwirtschaftet wird – das Lebenserwerbseinkommen. Dazu heißt es: „Im Idealfall würde man das Lebenseinkommen auch einmal betrachten, also alle Zahlungsströme, die dem Individuum über sein gesamtes Leben zufließen: Einkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Arbeit, empfangene öffentliche und private Transfers, Einkommen aus Vermögen und erhaltene Erbschaften. In der Summe ergibt sich das Bruttolebenseinkommen inklusive Transfers. Werden hiervon Steuern und Abgaben abgezogen, so ergibt sich das verfügbare Lebenseinkommen.“

Somit fehlen relevante Größen für die Frage, ob die Lebensentscheidung von Frauen, weniger zu arbeiten, im Einzelfall Sinn macht oder nicht – und es sollte jeder Frau zustehen, diese Entscheidung für sich zu treffen. Denn die Wahrheit ist ja auch, dass Frauen zum Beispiel in einer Ehe an dem höheren Einkommen ihres Mannes und dem entsprechenden Lebensstandard partizipieren – über „Haushaltsgeld“, gemeinsamen Vermögensaufbau und gemeinsame Investitionen in Immobilien und andere Wirtschaftsgüter. Ehepartner sind eine Wirtschaftsgemeinschaft und schulden sich gegenseitig Unterhalt für die jeweiligen persönlichen Bedürfnisse. Das schließt auch Urlaub und Freizeit sowie ein Taschengeld ein, aber vor allem auch eine Altersversorgung. Im Scheidungsfall wird der „Zugewinn“ aufgeteilt – und es gibt gegebenenfalls einen Versorgungsausgleich für die Rente.

Wie können wir mit dem Thema Geld in der Beziehung besser umgehen?

Leider wird in den meisten Beziehungen nicht klar genug über Geld gesprochen. Das hat nicht nur finanzielle Konsequenzen, sondern wirkt sich vielleicht auch mehr oder weniger subtil auf das Zusammenleben aus. Ein „gutes Team“ sollte sich auf Augenhöhe begegnen und offen Fragen stellen, wie zum Beispiel:

  • Wieviel Kinderbetreuung wollen wir selbst übernehmen und wie können wir uns Unterstützung holen?
  • Welche beruflichen Pläne haben wir jeweils und wie können wir uns dabei gegenseitig unterstützen?
  • Wieviel Geld ist für uns genug – welchen Lebensstandard brauchen wir wirklich und was ist uns da wichtig?
  • Wie regeln wir das mit dem „Haushaltsgeld“ – und wollen wir ein gemeinsames Konto für gemeinsame Ausgaben?
  • Wie kann der eine Partner von der Verantwortung für den Lebensunterhalt der Familie entlastet werden – und der andere von dem „Mental Load“ der Care-Arbeit? Wäre es nicht für alle besser, wenn beides auf beiden Schultern verteilt wird?

Es ist sehr wichtig, sich dafür die jeweilige „Geldgeschichte“ bewusst zu machen: Was hat mein Verhältnis zu Geld geprägt – und wie beeinflusst das heute noch meine Entscheidungen? Wenn das geklärt ist, werden nicht nur die Finanzen, sondern die Beziehung insgesamt auf ganz andere Beine gestellt.

Wie können wir für einen gerechten Ausgleich sorgen?

Hier ein paar Ideen für ganz konkrete Dinge, die wir selbst ändern können:

✨ Mehr arbeiten

Nach der Bertelsmann-Studie arbeitet ein Großteil der Männer insbesondere im Haupterwerbsalter zwischen 30 und 50 Jahren Vollzeit, aber teilweise nur etwa ein Drittel der Frauen. Besonders krass: Das ändert sich nicht, wenn die Kinder erwachsen werden. Es geht also nicht nur um fehlende Betreuungsangebote, sondern fehlende Arbeitsanreize und -angebote für Frauen mit Kindern. Denn viele Frauen in Teilzeitbeschäftigung würden die Zahl ihrer Arbeitsstunden gerne erhöhen. Laut der Studie von Bertelsmann verhindern „berufs- und tätigkeitsbezogene Zeitbeschränkungen“ oft eine Ausweitung der Stundenzahl.

Die Politik ist hier mittlerweile tätig geworden: Seit dem 1. Januar 2019 gilt die Brückenteilzeit. Sie ermöglicht zeitlich befristete Teilzeitarbeit mit einem Rückkehrrecht in die vorherige Arbeitszeit. Gesetze werden in Deutschland regemäßig evaluiert und ich bin gespannt, wie die Ergebnisse hier ausfallen werden. 

✨ Lebenserwerbseinkommensziel setzen

Frauen verdienen bei vergleichbarer Qualifikation über ihr Erwerbsleben deutlich weniger als Männer. In absoluten Zahlen[2]: Frauen erzielen in Westdeutschland ein Lebenseinkommen von rund 830.000 Euro, Männer rund 1,5 Millionen Euro. In Ostdeutschland verdienen Frauen über ihr Leben rund 660.000 Euro, Männer knapp 1,1 Millionen Euro. Der absolute Gender Lifetime Earnings Gap beträgt also in Westdeutschland rund 670.000 Euro und in Ostdeutschland rund 450.000 Euro.

Wer in Westdeutschland weiblich und älter als 46 Jahre ist, verdient auch mit akademischer Qualifikation im Durchschnitt sogar weniger oder nur unwesentlich mehr als geringqualifizierte westdeutsche Männer. Die Jüngeren schließen aber auf und dürfen sich gar zu den Gewinnern des Arbeitsmarktwandels zählen – auch wenn sie die Männer noch nicht eingeholt haben. 

Diese Zahlen zeigen, dass es heute schon in Ost und West und über die Generationen unterschiedliche Lebensmodelle und strukturelle Voraussetzungen gibt – so liegt die Angleichung der Einkommen in Ostdeutschland auch daran, dass die Männer dort insgesamt weniger verdienen. Daher wird es dort häufig mehr Sinn machen oder notwendig sein, dass beide arbeiten, während das traditionelle Rollenmodell sich ganz offensichtlich in Westdeutschland eher verhärtet hat. 

Auf jeden Fall macht es Sinn, einfach einmal auszurechnen, wieviel man in seinem bisherigen Leben selbst verdient hat. Diese Zahl kann die Grundlage sein, um sich ein Ziel für das ganz persönliche Lebenseinkommen zu setzen. Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: man kann das annehmen, was war und zugleich für die Zukunft und die weitere Lebensplanung neue Weichen stellen. Denn je genauer ein Ziel formuliert ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir es erreichen.

Mehr verdienen

Wie also können Frauen es schaffen, das Lebenseinkommen zu steigern? Neben „mehr arbeiten“ (siehe oben) gilt natürlich vor allem eins: Besser bezahlt werden. Das liegt daran, dass typische „Frauenberufe“ schlecht bezahlt werden und es heißt auch oft, dass wir Frauen nicht so gut verhandeln – obwohl wir mit den Männern in der Qualifikation gleichauf sind. Ganz sicher ergeben sich für die Männer, die keine oder wenig Elternzeit nehmen und Vollzeit durcharbeiten, auch immer noch mehr Karrierechancen.

Frauen haben durch die Betreuungszeiten teilweise auf dem Papier weniger Berufserfahrung und bekommen bei vielen Arbeitgebern immer noch weniger Chancen, Führungsverantwortung übernehmen zu können. Aber ist das wirklich gerechtfertigt? Mütter haben viele Qualitäten, die im Arbeitsleben sehr wertvoll sind – und dass auch Führung mehr mit Qualität als mit Quantität zu tun hat, ist wohl eine Binsenweisheit. Teilweise fehlt  uns Frauen aber auch selbst dieses Bewusstsein. Dadurch dass es so selbstverständlich ist, dass wir „umsonst“ arbeiten, fällt es uns oft schwer, für eine angemessene Bezahlung der eigenen Leistung einzustehen und gut zu verhandeln. Wertschätzung und Freundlichkeit sich selbst gegenüber ist dafür der Schlüssel – und mutiges Einfordern. Denn es gibt nichts zu verlieren und viel zu gewinnen.

✨ Mehr Verantwortung füreinander übernehmen

Ein Grund, Teilzeit zu arbeiten, ist auch die Befürchtung, dass durch die Belastung mit Arbeit plus Care-Arbeit die Belastung zu hoch wird. Dann fehlt die Zeit für sich selbst und auch die Flexibilität für die Unwägbarkeiten eines Familienalltags, etwa wenn ein Kind einmal mehr Unterstützung braucht. Da loszulassen, ist nicht einfach, denn es steckt viel Verantwortung dahinter und auch das absolut berechtigte Interesse daran, dass das Leben nicht nur aus Stress bestehen, sondern auch Freiräume bleiben sollen. Mir hilft dabei immer mehr der Gedanke, dass wir als Familie ein Team sind. So können sowohl die Lasten, als auch die Chancen gerechter verteilt werden. Und die Perspektive auf das ganze Leben lässt viel mehr Gestaltungsspielraum als der Fokus auf die nächsten Monate. Damit können langfristige Pläne geschmiedet und ausgehandelt werden. 

Das waren jetzt einfach einmal ein paar spontane Ideen. Letztlich brauchen wir eine Antwort auf die große Frage:

Wie wollen wir gleiche Lebenserwerbschancen und eine Absicherung im Alter für alle realisieren?

Der Staat hat sicher seine Hausaufgaben zu machen, aber wir können alle etwas tun. Vor allem wird sich nichts ändern, wenn wir Frauen nicht für uns selbst einstehen. Das ist nicht egoistisch, das ist normal. Und Kinder dürfen auch von ihrer Mutter lernen, dass es gut ist, Ziele im Leben zu verfolgen und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.

[1] „Wer gewinnt, wer verliert? Die Entwicklung und Prognose von Lebenserwerbseinkommen in Deutschland“ von Timm BönkeI, Rick Glaubitz, Konstantin Göbler, Astrid Harnack, Astrid PapeI, und Miriam Wetter.

[2] Kohorten: 1985 (West) und 1982 (Ost), Preise von 2015.